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Montag, 12. März 2012

Kaffeefahrt am Titicaca-See


[Puno/Lake Titicaca]

10 Monate oder 307 Tage bin ich bereits unterwegs, als ich am 22.02.12 mit Chih Chan den Bus von Cuzco nach Puno nehme. Mittlerweile habe ich 10 Länder bereist, über 10‘000 Fotos geschossen und unzählige neue Freundschaften auf der ganzen Welt geknüpft. Zur Feier des Tages gibt’s für euch ein weiteres Blog Update…

Sieben Stunden sollte die Fahrt dauern, doch  an einem Ort bleibt der Bus für längere Zeit stehen und als wir im Kriechgang weiterschleichen riecht es nach verbranntem Gummi. Chih Chan meint etwas nervös: „I know this smell… it’s not good!“. Als er in Panama unterwegs war, hatte sein Bus mitten auf der Strecke eine Panne. In einer mühsamen Aktion via Autostopp und Kollektiv-Lokal-Bus ist er weitergereist und mit grosser Verspätung am Zielort angekommen. Bei uns sieht’s zum Glück besser aus: Wir erreichen Puno – wenn auch erst nach etwa 8.5h – aber ohne Panne und checken im Point Hostel ein. Am nächsten Tag besichtigen wir die Stadt. Da noch immer der Karneval im Gange ist, werden wir mit bunten Tanzaufführungen und Rasierschaumspray belohnt. Puno ist ein „kleines“, 118‘000-Einwohner grosses Städtchen am Ufer des tiefblauen Titicaca-Sees im Süden von Peru. Nebst dem, dass es hier recht touristisch ist (horrende Essenspreise), bieten die engen (teils etwas klaustrophobisch wirkenden) Gässchen und die farbenfroh gekleideten lokalen Frauen mit ihren Filzhüten (die übrigens etwas gegen Touristenkameras haben) nicht viel Neuartiges. 
Hinterrücks geknipst
Cuy, sweet Cuy-landet
oftmals aufm Teller in Peru
Ausser Atem auf Huajsapata
Feiern bis in die Nacht
Unsere am 24.02.12 gebuchte Tagestour zu den Floating Islands und Isla Taquile entpuppt sich als reinste Kaffeefahrt, wie die beiden Deutschen Mädels Anne und Anna, die ebenfalls mit von der Partie sind, zielgerecht feststellen. Laut Wikipedia ist eine Kaffeefahrt die verschleiernde Bezeichnung für eine organisierte Fahrt mit dem Bus oder Schiff mit angeschlossener Verkaufsveranstaltung. Teilnehmer sind typischerweise Rentner, die das Angebot einer scheinbar billigen Ausflugsfahrt mit Kaffee und Kuchen (daher der Name) oder einem Mittagessen nutzen. So tuckern wir rentnermässig per Boot, das in jeder Hinsicht einem Touristencar ähnelt (Carsitze, Steuerrad und gefüllt mit kamerabestückten Touristen), zu den schwimmenden Inseln. Diese sind gekonnt von den Uros-Einwohnern aus Totora-Schilf geflochten. Ursprünglich geschafften, um sich von kriegerischen Inkas zu schützen, sind sie heute primäres Ziel für Touristen. Der Touristenschwarm wird auf die verschiedenen Floating Islands verteilt, wo uns die Funktion der schwimmenden Inseln und die Lebensweise deren Bewohnern näher gebracht wird. Selbstverständlich werden uns die unbrauchbarsten Handycraft Souvenire feilgeboten und so clever vermarket, dass es schwer ist, hart zu bleiben. Die „Mercedes Benz“ Drachenbootfahrt zur nächsten Insel, mit dem ebenfalls aus Schilf kunstvoll gefertigten Doppelstöcker-Schiff, wird uns regelrecht aufgedrängt (für schlappe 10 Soles „Zustupf an den Kapitän“). Ein paar von uns sind aber clever und wir steigen ins reguläre Tourboot ein. Die Überfahrt dauert 3.5 Minuten und auf der anderen Seite erwarten uns weitere fein säuberlich präsentierte Souvenire, sowie ein überpreistes Frühschoppen-Bier-Angebot und irgendwelche frittierten Snacks.
Idyllische Floating Islands…
…bis die Souvenirstände aufgebaut sind

Unter die Uros gegangen
Drachen vs. Baer

Da unsere Reisegruppe aber nicht so wirklich in Kauflaune ist, wird die Fahrt zur Isla Taquile bald fortgesetzt. Die Überfahrt dauert 2.5h und ist von Regenfall geprägt. Doch alsdann wir an der Insel anlegen scheint – wie bestellt – die Sonne. Auch hier wird die Touristenherde clever aufgeteilt, um das rurale Feeling der Insel nicht zu zerstören. Taquile ist etwa 5.5km lang und 1.6km breit und das Zuhause von etwa 1700 quechuasprachigen Einwohnern, die verschiedene altgebackene Traditionen aufrecht erhalten. Die Männer tragen je nach Familienstand unterschiedliche Kappen. So verrät eine rote Kappe, dass der Mann verheiratet ist und rot-weiss heisst Single; kein Wunder zählt Swissdate hier nicht zu der erfolgreichsten TV-Sendung. Nach einem kurzen Spaziergang erreichen wir den Innenhof einer Siedlung, wo der Tisch für das Mittagessen bereits gedeckt ist. Der Guide erklärt uns die lokalen Traditionen, dann wird uns das Mittagessen feil geboten. Chih Chan, Anna, Anne und ich setzen uns aber ins frische Gras, von Blumen umgeben und essen unseren clever vorbereiteten Lunch. Gestärkt watscheln wir mit etwa 20 anderen Touristen zum Plaza de Armas. Unterwegs sehen wir weitere Touristengrüppchen durch die Gegend wandern und wir werden von diversen bunten und betrunkenen Karnevalsgesellschaften mit monotoner Guggenmusik und Tanz begleitet. Bis heute wissen wir nicht, ob dies nur für die Touristen inszeniert wird, oder wir aufgrund der Karnevalszeit einfach Glück hatten. Selbstverständlich lauern unterwegs diverse Souvenirsbuden und Handycraft-Stände, um weichherzigen Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wir begnügen uns aber am Sonnenschein, der Aussicht, dem bunten Karnevalsfolk und dem selbstverständlich mitgebrachten Rum+Coke, der auf knapp 4000 m.ü.M ordentlich einschenkt.
Isla Taquile, unberührt…
…und mit blöden Touristen
Bunter Karneval
Sorry, Mädels: Verheiratet
Passend:Vor Souvenirbude
 Die langwierige Rückfahrt überbrücke ich mit Hörbuch und Powernap und gehe anschliessend noch im kühlen Abend am Titicacasee (auf 3830m Höhe) Joggen. Beim gemeinsamen Farewell-Abendessen in einer Rock-Bar schmieden wir Pläne für eine Reunion in Berlin und ich trinke meinen ersten Peru Libre (Cuba Libre mit Inka Cola).
Farewelldinner
On the road nach La Paz
Nachdem ich mit Chih Chan während einer Woche viel erlebt und an exquisiten Orten den einen oder anderen Rum+Coke getrunken habe, gehen wir 25.02.12 getrennte Wege. Während ich meine Reise via Copacabana und La Paz (Bolivien), Richtung Buenos Aires (Argentinien) fortsetze, nimmt Chih Chan den Bus nach Arequipa. Eigentlich wollte ich noch die Bolivianische Seite des Titicaca-Sees besuchen, doch als mir beim Grenzübergang beim Aussteigen aus dem Bus der Träger meines kleinen Rucksacks reisst (den ich notabene erst vor 2 Wochen in Costa Rica gekauft habe), beschliesse ich direkt nach La Paz weiterzufahren, um mir dort einen neuen zu erwerben. Die 15h lange Fahrt führt mich durch eine wundervolle Landschaft, vorbei an bravem Bauernvolk inmitten hoher Berge, tiefer Seen, blauen Wäldern, grünen Matten und friedlich wiehernden Kuhherden…
Kommt, und wagt…
…den Karnevalstanz!
The real voyage of discovery consists not in seeking new landscapes but in having new eyes.” -Marcel Proust
 Cheers
Alex





Donnerstag, 8. März 2012

Abenteuer Machu Picchu


[Cuzco – Machu Picchu]

Nach 5 Tagen Oase wartet am 18.02.12 eine neue Episode auf mich: Machu Picchu, die Geheimstätte der Inkas. Um dort hin zu gelangen nehme ich einen Bus nach Cuzco. Da dieser erst am späteren Nachmittag fährt, will ich vor dem Auschecken im chilligen Carola del Sur Hostel noch ein letztes Mal auf die Sanddünen kraxeln. Also mache ich mich nach 10 Uhr auf den Weg. Es ist noch nicht zu heiss und ich überlege mir, ob ich nur barfuss gehen soll, denn das Erklimmen der Sandberge geht mit Flip Flops nicht wirklich gut. Glücklicherweise packe ich sie dann doch auf den Rucksack, denn nachdem ich die Aussicht auf die endlose Wüstenlandschaft und die grüne Oase nochmals genossen habe, zeigt die Uhr schon gegen Mittag und der von der Sonne aufgeheizte Sand gleicht einer Herdplatte. Im heissen-Kohletanz-ähnlichem Laufschritt renne ich zuerst barfuss die Düne herunter, bis es zu heiss wird und ich die Flip Flops montiere und gelegentlich mit meinem mitgebrachten Wasser die Füsse benetze. Leider nützen beide Massnahmen sehr wenig und der höllisch heisse Sand brennt an meinen Füssen und Fusssohlen, so dass ich schreien könnte. Noch Stunden nachher glühen die Füsse nach (und auch jetzt wo ich die Zeilen schreibe, meine ich eine Resthitze zu verspüren). Im Bus (der übrigens WiFi hat) lerne ich Chih Chan kennen, ein Backpacker aus Taiwan, mit dem ich noch viel Spass haben werde…
Zu Ehren von Tupac :-)
Zu Ehren von David ;-)
Der Bus bringt mich von Ica (406 m.ü.M.) nach Cuzco (3416 m.ü.M.) durch die zuerst trockene, grassteppenartige Pampa, vorbei an kleinen Dörfchen und windet sich immer höher in die anfangs noch stark bewaldeten Berge, die aber immer karger werden, je höher wir ansteigen. Die Höhe kriege ich auch anders zu spüren: Während ich im Bus „Schlafe“ habe ich ein paarmal das Gefühl, dass meine Atmung aussetzt und ich keine Luft mehr bekomme. Ich wache auf und erst nach einem tiefen, bewussten Atemzug normalisiert sich die Situation wieder. Ansonsten bin ich schnell akklimatisiert, ausser dass ich von der angenehmen Wüstensonne in den nasskalten Bergen gelandet bin. Im Point Hostel eingecheckt, besichtige ich am 19.02.12 zusammen mit Chih Chan die Stadt, wo der bunte Karneval voll im Gange ist. Ein Riesenhit scheint die rasierschaumartige Substanz aus der Spraydose zu sein, mit der sich die Kids regelrechte Schlachten liefern…
Schlacht der Titanen…
…Chih Chan hats voll getroffen
Das Meerschweinchen bei Hatunrumiyoc 
Aussichtspunkt hoch oben von Cuzco
Pictures of..
..the moment..
..in Cuzco
Vom graziösen Machu Picchu habe ich von diversen Reisenden schon viel Verwirrendes gehört… Inca Trail pro und kontra, es ist schwierig ein Ticket zu bekommen, wegen dem gegenwärtigen Regen nicht möglich, unbedingt frühmorgens ein Ticket für Huayna Picchu ergattern, etc… So beschliessen wir bei einem lokalen Reisebüro Klarheit einzuholen und unseren Trip zu buchen. So weit so gut – doch der Agent der Agency verwirrt uns noch mehr, so dass wir schnellstmöglich das Weite suchen und unser Glück bei einem zweiten Reisebüro versuchen. „Everything is possible“, sagt uns Fidel und organisiert für uns der perfekte Trip für den kommenden Tag. Etwas Glück hatten wir, da zwei Touristen ihre Tour annulliert haben und wir von ihrem Ticket auf den Huayna Picchu profitieren konnten (seit 2012 muss man dieses Ticket nämlich vorreservieren). Die Frage des touristischen 5-tägigen Inka Trails erübrigt sich, da dieser im Februar sowieso geschlossen hat.

Unser Abenteuer zur gut versteckten Inka-Städte, welche erst vor 100 Jahren entdeckt wurde, beginnt am 20.02.12, wo wir zuerst mit dem Bus 2h von Cuzco nach Ollantaytambo fahren und von dort den – zugegeben „etwas“ touristischen – 2h-Zug nach Aguas Calientes nehmen. Dort ist bereits unser Hotel „Sayacamarca“ reserviert und wir bereiten uns für den morgigen Trip zum Machu Picchu vor, indem wir Proviant und Rum einkaufen. Anstatt beizeiten schlafen zu gehen, zelebrieren wir im Hotel eine kleine Rum-pre-Party mit vier Chilenen, die ebenfalls in unserer Reisegruppe sind.
Flirtender Tourist in Ollantaytambo
Pre-Party vor dem grossen Aufstieg
 Neben dem Hotel rauscht ein tosender Fluss, der uns das Gefühl gibt wir nächtigen direkt unter dem Rheinfall und so können wir von Glück reden, dass Chih Chan seinen Wecker hört (mein Backup-Handywecker ist wegen leerem Akku out of order). Nach dem Frühstück machen wir uns gemeinsam mit den Chilenen auf den Weg in die Dunkelheit zum Tor des Machu Picchus, das um 5 Uhr öffnet. Unzählige Treppen trennen uns vom Plateau auf dem Bergrücken mit seinen misteryösen Inkaruinen. Es ist noch dunkel und leichter Regen setzt ein, als wir mit dem Aufstieg durch den taufrischen Wald mit seinen unzähligen Geräuschen beginnen. Ausser Puste und komplett nassgeschwitzt kommen wir nach ca. 1h oben an und gehen direkt weiter zum Einlass des Huayna Picchus wo wir unter den ersten der total 400 täglich zugelassenen Touristen sind. Beim Schild „Small“ und „Big“ Huayna Picchu werden wir stutzig und entscheiden uns schlussendlich für „Small“, da Chih Chan meint, „Small“ sei besser, da die Aussicht auf die Ruinen „small“ ist, so dass man viel mehr sehen würde. Eilig erklimmen wir den Berg, da sich der Morgennebel verzieht, um so top-shots ohne Touristen im Hintergrund zu erhalten. Der Aufstieg beinhaltet schmale Pfade neben schroffen Felsklippen und Seile, wo man sich eine steile Felswand hochziehen muss. Just, als wir oben sind, drückt die Sonne den Nebel weg und gibt eine wundervolle Sicht auf die Ruinen und die umliegenden Täler frei. Wir stossen Mit Rum und Coke resp. Fanta an und feiern den glorreichen Moment. Mit uns ist nur Brett aus den USA auf dem Gipfel – wir fragen uns noch, wo denn die anderen Touristen bleiben? Langsam verzieht sich auch der Nebel hinter uns und enthüllt den mächtigen Huayna Picchu frei – aha… wir stehen also nur auf dem kleinen Pussy Picchu!
Die 6 verstrichenen Bergsteiger am Morgen
Morgengrauen


Spass mit dem Lama
Tataaa… Machu Picchu
Huayna Picchu „le grand“ enthüllt sich
Nichts, wie ran an den Aufstieg zum grossen Berg! Schon etwas angesäuselt müssen wir uns konzentrieren, dass wir beim keinen Fehltritt machen. Die jähen Inka-Treppchen sind zum Teil nur fussbreit und es gibt keine Sicherung… nur klaffender Abgrund. Der Weg führt durch eine schmale Höhle, wo man sich durchzwängen muss (da zu wenig Platz ist, den Rucksack vorhergeschoben) und als Finale steht noch eine klapprige Holzleiter und ein Felsplateau bevor, das man nur auf allen vieren bezwängen kann. Erst mal oben angekommen, geniessen wir die wunderbare, atemberaubende Aussicht auf die terrassenförmige Stadt und das System von Treppen, die winzigen Touristen und die umliegende Landschaft – und stossen mit dem restlichen Rum an. Wenn man so hoch oben steht und auf die um 1450 gebaute Anlage schaut, wird einem irgendwie klar, dass die Spanischen Conquistadores keine Chance hatten, diese zu entdecken. Der Abstieg geht um einiges leichtfüssiger – gottseidank bin ich schwindelfrei (und trinkfest)! Mit müden Beinen erreichen wir die Inkastadt und eine 2h Führung gibt uns interessante Einblicke in die damalige Lebensweise der Leute, das clevere Kanalsystem, wo Wasser vom benachbarten Machu Picchu-Berg hingeführt wurde und den geheimnisvolle Quarzstein mit seiner unsterblichen Energie im einstmaligen Observatorium. Den Abstieg schaffen wir in 25 Minuten und sehr schlapp vom ereignisreichen Tag, warten wir auf den Zug. In der „Executive Class“ fahren die müden Bergsteiger zurück und werden in Cuzco mit Regen empfangen.
Den richtigen Picchu gewählt und…
…nach der Bezwingung erneut angestossen
Lamahafte Ruinen

Tapferer Bergsteiger!



“Living on Earth is expensive, but it does include a free trip around the sun every year.” – Unknown
 Cheers
Alex



Mittwoch, 7. März 2012

Schönes Lima & die Wüste Lebt!


[Lima – Pisco – Huacachina – Nazca]

Kurz vor Mitternacht am 08.02.12 scheint meine Odyssee am Ende zu sein und ich lande in Lima. Denkste! Als wär die Berliner Mauer gefallen, USA und Kuba hätten die Personenfreizügigkeit eingeführt und Flughafen hätte Tag der offenen Tür, begegne ich einer noch nie dagewesenen langen Schlange zur Immigration und ebenso nochmals beim Zoll. Beim Anstehen hoffe ich, dass ich die überflüssige Zolldeklaration richtig ausgefüllt habe. Das Formular ist auf Spanisch – aber mittlerweile kenne ich all die vörigen Fragen… uff, alles gut gegangen. Nach 2.5h stop&go und robotermässig funktionierenden Beamten, ist meine letzte Hürde der Zufallsgenerator beim Zoll: Einen Knopf den man beim Durchgehen drücken muss: Rotes Licht = Inspektion, Grünes Licht = Schwein gehabt. Vor mir sind zwei peruanische Yuppies mit extrem vielen Koffern…sie drücken… Rot. Yes…Schadenfreude! Die Chancen, dass ich ohne Inspektion durchlaufen kann, sind hoch. Nach einem kurzen Stossgebet, dass mir die Technik hold sein mag, drücke ich den Knopf… Grün… Welcome to Peru! Beim Kollektiv-Taxi in die Stadt muss ich zwar abermals warten, aber ihr kennt bestimmt diesen Müdigkeitslevel, wo einem alles egal ist. Here I am… ich sitze auf meinem Stühlchen, schaue der Masse zu, die aus dem Arrival kommt… und auch dass es das Hostel aus meinem (in Ecuador!) geschenkt bekommenen Lonely Planet von 2007 nicht mehr gibt lässt mich kalt. Die Uhr zeigt mittlerweile 2.30, als mich mein Driver zum zufällig gefundenen Eurobackpackers chauffiert. Ich bin müde und will nur noch ins Bett.
Lima – nach Kairo – die zweitgrösste Stadt, die auf Wüstengrund erstellt wurde, ist eine Metropole mit einem sonderbaren Mix aus moderner „8.5-Millionen-Mega-City“, gepflegten Slums von Leuten, die aus den Anden zugezogen sind und keine Arbeit gefunden haben und kolonialem Sammelsurium im Stadtzentrum. Mein Hostel ist im Stadtteil Miraflores, einer gehobenen, touristischen Nachbarschaft mit Restaurants, Nightlife, Parks und wunderschönem 10km langem Malecon auf den Klippen über dem pazifischen Ozean. Hier ist für die Tage meine Joggingstrecke – speziell empfehlenswert bei Sonnenuntergang, wenn man zuschauen kann, wie die orange Kugel im silbernen Meer versinkt und den Himmel in sämtliche Rottöne verfärbt. Lima überrascht mich positiv, mit der Ausnahme, dass der Strassenverkehr nervig laut ist. Am 09.02.12 treffe ich per Zufall einen Deutschen Backpacker im Supermarkt, der mir das Hostel Pariwana empfiehlt, wo ich am 10.02.12 (das Weekend steht an!) für mehr Leute und mehr Party einchecke.
Meersicht beim Parque del Amor..
..und bei Sonnenuntergang
Vater Camaro in Miraflores
Katzenpark…


Das Pariwana entpuppt sich als eins der besten Hostels, das ich in den letzten 9 Monaten angetroffen habe: Sauber, gute Lage, Frühstück bis 13 Uhr, 2 Kissen im Bett, das Bett wird täglich gemacht, aufgestellte Staff, preiswert und gute Leute… da fühlt sich der Baer fast wie zuhause in der F6 (ausser, dass mir dort das Bett nicht gemacht wird:-)). Gegenüber vom Hostel ist der Parque Central, der von Katzen besetzt ist. Manchmal sieht man die Tiere auf den Bäumen herum kletter, wo sie ab und zu auch mal stecken bleiben und dann kläglich miauen. Im Hostel lerne ich einen Ami kennen, der die nächsten zwei Tage – ganz nach meinem Gusto – Dubstep in zwei nahegelegenen Clubs spielt. Gemeinsam mit Zoran aus Slowenien rocke ich die Freitagabend-Party im Underground-Club. Mein Central Lima Sightseeing-Programm spule ich am 11.02.12 ab: Plaza Mayor (Kolonialbauten und hupende Blechlawinen), Rimac-Viertel auf der anderen Seite des Flusses (mehrfach werde ich von netten Bewohnern gewarnt: „Hola amigo, que es un pocito peligroso aquí!“), Monestario de San Francisco (alte Harry Potter Bibliothek und gruselige Kattakomben mit über 70‘000 Beigesetzten, wobei die Knochen in den 70er Jahren für die Touristen in bizarren Kreisen und anderen Formationen angeordnet wurden), Plaza San Martin (Statue von Madre Patria, der symbolischen Mutter von Peru – unter Kommission der Spanier erstellt und etwas falsch verstanden, statt einem Flammenkranz „llama“, wurde fälschlicherweise ein niedliches Lama auf ihrem Kopf platziert). Zur Feier des Tages gönne ich mir leckere Sushi, bevor ich wieder den modernen Bus nach Miraflores nehme und mich ready für Dubstep, Jungle und Drum n’Bass im Club Elementos mache…. What a night!:-p
Palacia Arzobispal@Plaza de Armas
Farbenfrohes Armenviertel
Fotografieren verboten:
Baer zückt im Geheimen
sein Handy
Das missverstandene Lama


Tags darauf kommt mir die autofreie Avenida José Larco vor dem Hostel sehr entgegen. Der Lärm bleibt aus, der Baer schläft aus! Nebst dem, dass ich meine Weiterreise plane, gehe ich mit Anja aus Deutschland zu Fuss die nahegelegenen Pyramiden Huaca Pucllana (schön restaurierter Steinhaufen in mitten im urbanen Miraflores) und Huaca Huallamarca (abermals fein säuberlich arrangierte Steine mit moderner Stadt im Hintergrund) besuchen. Respektive eben nicht, da Pucllana einen horrenden Eintrittspreis verlangt und Huallamarca bereits geschlossen hat, als wir ankommen. So bleibt unser Highlight das Mittagessen mit mitgebrachtem Salat im Burgerking und der gemütliche Spaziergang im sommerlichen Lima.
Sta(d)ttliche Ruinen
Zoran+Anja+The Baer
 Der Bus, den ich am 13.02.12 nehme ist subito in Pisco, so dass ich etwas überrascht mitten im Film auf meinem Laptop aufschrecke, als mich mein Sitznachbar anstupst und sagt: „Señor, we char in Pisco“. Ausser dem Namen (nämlich gleichnamig, wie das Destillat aus Traubenmost), hat diese Stadt überhaupt nichts Besonderes, denn sie ist laut, dreckig und verarmt. Verständlich, denn Pisco erholt sich noch immer vom Erdbeben in 2007, dass 85% der Stadt verwüstete. So ist es verstehbar, dass sämtliche in meinem 2007er Lonely Planet vorgeschlagenen Hostels nur noch als verlassene, abbruchreife Lotterbuden existieren. Da der Taxifahrer mich direkt vor’s Tambo  Colorado fährt (um seine Komission zu kassieren), checke ich dort aus Bequemlichkeit in ein Einzelzimmer ein, nachdem ich den Preis um etwa 30% runtergehandelt habe. Die Verkehrsregeln in Pisco sind wie folgt: Es gibt keine, ausser wenn sich ein Auto einer Kreuzung nähert, wird gehupt. Mein Zimmer ist selbstverständlich direkt oberhalb so einer Kreuzung, so dass ich bis spätabends und ebenfalls ab früh morgens dem Hornkonzert beiwohne. Glücklicherweise beginnt bereits um 7 Uhr meine Sightseeing-Tour zu den Ballestas Inseln – der eigentliche Grund, warum ich hier bin. Per Boot fahren wir zuerst zu der riesengrossen (150m hohen und 50m breiten), ominösen Felszeichnung Candelabro de Paracas, der den Nazca-Linien ähnelt, aber bedeutend jünger ist. Niemand weiss wirklich von wem und wozu diese ominöse Zeichnung erstellt wurde. Theorien reichen von ET-artigen Aliens bis Orientierungszeichen zur Navigation für Seefahrer. Eindrücklich ist’s aber allemal… Danach geht’s weiter zur den Ballestas-Inseln, ein wichtiges Schutzgebiet für hiesigesiges Meergetiere. Und die sieht man in grossen Schaaren: Guanay Guano Vögel (welche dem Ort seinen imposanten Scheissgeruch verleihen), Blue Footed Booby (daher wird die Destination auch „Galápagos für Arme“ genannt), Humboldt Pinguine (und deren niedliche Junge bei ihren ersten Schwimmversuchen) und Strände voll Seelöwen (deren Röhren- und Grunzendes Audiospektakel jedes THX-360°-Surround-Kino in den Schatten stellt). Auf dem Rückweg sehen wir sogar Delfine!  
Lunch mit Pisco Sour
Candelabro de Paracas
Verchillte Robben
Das Schwarze am Hügel sind alles Vögel!
Pingooos
König der Chiller
Schön gehupt vor der Kreuzung
Club Social Pisco
Noch am selben Tag, dem 14.02.14, nehme ich den Bus weiter nach Ica respektive Huacachina, einer kleinen Oase mit geheimnisvoller* Lagune inmitten überwältigend hoher Sanddünen. Hier hat sich einst die Elite von Peru getummelt; heutzutage wird Huacachina aber von Backpackern und Partyvolk regiert. Als erstes klettere ich in einer anstrengenden Sandwanderung auf die Düne, um den wundervollen Ausblick zu geniessen. Auf dem Gipfel empfangen mich ein Sandsturm und die wundervolle, weite Aussicht auf die Wüstenlandschaft. Frisch geduscht geht’s mit Leuten aus dem Carola del Sur Hostel ab in den Ausgang, denn in Huacachina ist der grösste Club der Region. Ich bleibe in den Fängen der Wüste bis und mit 18.02.12. Nebst der chilligen Hängematte steht selbstverständlich auch etwas Action auf dem Programm…
Abendliche Huacachina-Oase
Sonnenuntergang auf der Düne
Buggytour und Sandboarding heissts am 15.02.12. Bevor ich mich jedoch für die Tour mit den „areneros“ (Dünen-Buggies) kombiniert mit Sandboarden anmelde, checke ich das Internet auf Reviews und stolpere über mehrere Posts, die vom wohl verrücktesten Buggydriver in Huacachina berichten: Ein unverheirateter, älterer Badboy, der aus seinem alten roten Sandbuggy das letzte herausholt und mit Höchstgeschwindigkeiten die steilsten Dünen runter stürzt – man sollte sich besser anschnallen! Als Sonnenuntergangsfanatiker wähle ich selbstverständlich die Sunset-Tour, die um 17 Uhr startet. Schon als der alte, rote Buggy vor dem Hotel mit quietschenden Reifen anhält und ein älteres, unberingtes enfant-terrible die Teilnehmer mit einem schelmischen Lächeln begrüsst, weiss ich, welche Stunde geschlagen hat… Die Fahrt durch die Dünen ist rasant und um einiges nervenkitzelnder, als eine Achterbahnfahrt. Der Typ holt das Letzte aus seiner Karre heraus, als er die steilen Dünenwände herunter flitzt und abrupte Kurven vor den gefährlichen Klippen reisst. Das Sandobarden ist ebenso cool, als auch herausfordernd – speziell weil meine Bindung nicht wirklich hält. Als wir vor der letzten, etwa 200m langen und extrem steilen Düne halten, denke ich, es wäre der letzte Stopp für ein paar Sonnenuntergangsfotos. Nichts da, runter mit dem Board, meint der verrückte Driver. Ich schliesse ich mich den anderen an und rutsche die high-speed Düne ebenfalls sicherheitshalber bäuchlings auf dem Brett herunter. Mit ebenso quietschenden Reifen brausen wir – alle zum Glück unversehrt – zurück in die in der Dunkelheit versinkende Oase.
Sandbaer-boarder
Der crazy Gefährte und das Gefährt
Seit ich beim Go-live von Google Earth die Satellitenbilder der Nazca-Linien (800 gerade Linien, 300 geometrische Figuren und 70 spektakuläre Tier- und Pflanzenzeichnungen) gesehen habe, will ich dort hin. Mitunter deswegen ist Peru auf meiner Reiseliste. Mein Ausflug zu den weltbekannten, mystischen Bildern am 16.02.12 zehrt aber in allen Varianten an meinen Nerven. Als erstes, im Bus auf der Hinfahrt, plärrt während der ganzen Fahrt lauthals herzzerreissende Bachata Musik aus den Boxen der Fahrerkabine und parallel aus den on-board TV-Lautsprechern der Plot eines herzlich-doofen Films von einem Riesenbaby (es leben meine geräuschdämpfenden Kopfhörer). Dann muss ich durch Selbstorganisation des Ausflugs viel Warten (es leben die organisierten Touristenreisen). Einen drauf gibt der wackelige, Schüttelbecher-Cessna-Flug, die mir die Linien von oben offenbart (es lebe der Bodenkontakt). Auf dem 30-minütigen Flug werde ich jedoch von einer atemberaubenden, top-Aussicht auf die weltgrössten archäologischen Mysterien, wie der 96m grosse Kolibri-Vogel, der 200m lange Papagei oder der 32m hohe Astronaut belohnt, die man vom Boden aus nicht zu erkennen vermag (deshalb wurde im Nicht-wissen vor deren Entdeckung in den 1920er Jahre die Panamerikanische Strasse zielgerade durch die Figuren gezogen). Bis heute wirft das Unesco Welterbe viele Fragen zu deren Entstehung und Zweck auf. Stellen die Scharrbilder einen astronomischen Kalender dar – wer hat diesen jedoch erstellt? Stammen die Figuren aus lange vergessenen Zeremonien – aber wie konnten die präzisen Figuren, die ja nur aus der Luft sichtbar sind erstellt werden? War auf der Nazca Hochebene eine altertümliche Sportanlage – warum gabs dann aber so viele Figuren? Oder waren wieder mal die grünen Männchen aus dem All am Werk – warum ist dann aber im ET Film nichts davon erwähnt? Fragen über Fragen, die ich in meinem 30-Minütigen Überflug auch nicht ganz beantworten konnte, da ich mitunter doch auch mit Stossgebeten beschäftigt war, dass ich wieder sicher landen werde. Nazca an und für sich ist eine wüste, staubige, Wüstenstadt und daher bin ich froh, kann ich am Abend wieder zurück in meine Huacachina-Oase, um meine Nerven in der Hängematte bei einem Rum+Coke wieder etwas zu regenerieren.
Astronaut..
..Kolibri..
..Spinne..
..Hände und Mittendurch die Panamericana
Sichtlich erleichtert wieder am Boden
“All journeys have secret destinations of which the traveler is unaware.” – Martin Buber
 Cheers

Alex

* Es wird gemunkelt, dass im Kloakensee von Huacachina ein Ungeheuer wohnt, das sich jedes Jahr einen Touristen zum Opfer holt. Ich kann euch jedoch beruhigen, das ich NICHT Opfer des Ammenmärchens geworden bin.